Lawine Torrèn | Musicircus
„In der Musik kann es viel Organisation oder Desorganisation geben - alles ist möglich. Ebenso wie es im Wald Bäume, Pilze, Vögel und alles was man sich wünscht gibt. Obwohl wir noch so viel organisieren und sogar die Organisierung vervielfachen können, würde das ganze jedenfalls eine Desorganisation ergeben!“ John Cage zu Musicircus in einem Interview mit Daniel Charles.
Bei Musicircus tritt die Regie in den Hintergrund zugunsten einer praktischen Organisation des Chaos. Im begrenzten Zeitraum einer Dreiviertelstunde soll die Salzburger Altstadt im Ausmaß von 6 bis 10 historischen Plätzen der Schauplatz eines Spiels werden, in dem eine möglichst große Zahl von Salzburger Musikern und Ensembles einander spielend durchdringen, ohne aufeinander Rücksicht zu nehmen oder sich zu behindern. Konkret: vom Universitätsplatz bis zum Mozartplatz ist Platz für 1000 Musiken und noch einmal so viele Geräusche. Aus offenen Fenstern und Toren mischt sich der Sound der Innenräume mit dem Außen.
Musicircus ist trotz der genialen Einfachheit seines Konzeptes (das Original befindet sich in der New York Public Library: eine Einladung an ausgewählte Musiker mit Ort und Zeit: Stock Pavillon der University of Illinois, 17.11.1967) eines der wenig gespielten Stücke Cages. Dennoch gibt es in den Interviews des französischen Musikers und Philosophen Daniel Charles etliches an Reflexion von John Cage selbst über verschiedene Aufführungen in Paris, Illinois und Minneapolis von 1967 bis 1970.
Der Entstehungszusammenhang der Idee im gedanklichen Bezirk von Happening, Unbestimmtheit und der Forderung nach Gleichberechtigung von Geräusch und Stille weist sie zwar als geschichtlich aus, in der historischen Altstadt von Salzburg wirkt sie dennoch unerhört: ein Pilotversuch am vergangenen Karsamstag machte anschaulich, wie einladend das Konzept nach wie vor ist. Hunderte Hörlustige versammelten sich in der Churfürststraße rund um fünf kleine Ensembles und Solisten, die diesen begrenzten Stadtraum zusammen mit Rollkoffern, Taxis, Sirenen und einer zufälligen Müllabfuhr akustisch bevölkerten.
Ein unauffälliges Kamerateam um Stefan Aglassinger filmte die aleatorischen Ereignisse, während Sophie Mitterhuber und Urban Östlund (Sopran und Klavier), Janina Ibel (Bratsche), die Brass Brothers (drei Buben mit Blech), Tobias Pötzelsberger (Gitarre und Gesang), das Vokalquartett Seekirchen (Roswitha Öschlberger, Monika Kersch, Roman Öschlberger, Werner Wuppinger), sowie ein fünfköpfiges Rollkofferensemble (auf hochfrequenten Pflastersteinen) die Gassen mit akustischer Anarchie fluteten.
Poesie der Unleserlichkeit...
Hubert Lepka: “Das Vorhaben erfordert eine reziproke Inszenierung, die Ordnung zielt auf die Unordnung, die Organisation des Nicht-Organisierten. Die Choreographie des Chaos. Chaotische Choreographien und Scores rufen Algorithmen zu Hilfe, die poetische Verdichtungen schaffen, schauen der Natur in den Kochtopf. Die Bestimmung geringstmöglicher ökonomischer Ausgangsbedingungen anstatt des Verlaufes oder gar des Ziels führt zu einer Poesie der Unleserlichkeit.”
Sie sind das Fest!
Klassische Ensembles, Chöre, Kirchenmusik, Orgeln, Klavier, historische und aktuelle U-Musik, ethnische und Volksmusik, Blasmusik, Flugzeug, Helikopter, Pferdekutschen, Sirenen, Glocken, Jedermann-Rufer, Rollkoffer-Ensemble, Flashmobs, offene Fenster mit Übenden, die Besucher des Festes, die spontan - mit und ohne Instrument – mitmachen, Kinder und Schulen. Alle sind eingeladen, mit uns Musikgeschichte zu schreiben. Wir suchen Musiker und Musikerinnen, die auf freiwilliger Basis an diesem Projekt teilnehmen möchten.
Download Pressefotos
Trailer ansehen
<< zurück



